Kino / Portraits

"Ich will mich nicht mehr streiten ..."

Götz George spielt die Hauptrolle in "Schimanski: Loverboy" (So., 10.11., ARD, 20.15 Uhr)

Lächelnd erinnert sich Götz George an "Derrick" zurück: "Immer diese Nobelvillen. Mit dem gepflegten englischen Rasen davor. Langweilig ..." - Schimanski war immer anders. Tief drin im Dreck des Lebens. Immer konfrontiert mit sozialen Abgründen. "Ein Gerechtigkeitsfanatiker" - so beschreibt ihn George, dessen tiefe Zuneigung zu dieser Figur auch nach weit über 30 Jahren spürbar ist. Im aktuellen Fall geht es um sogenannte "Loverboys" - Männer, die sehr junge Frauen so lange verführen, bis sie ihnen in kompromissloser Liebe verfallen. Schließlich nutzen sie die Mädchen für ihre brutalen Liebesgeschäfte aus. Charmante, aber gnadenlose Lockvögel des Verbrechens. George war das Thema neu, doch es interessierte ihn. "Loverboy" (Regie: Kaspar Heidelbach) ist ein starker, emotionaler Krimi - ein Höhepunkt in der Reihe, die 1981 ihr Debüt im Rahmen des "Tatorts" feierte. Nachdem sich Schimanski Ende 1991 vom "Tatort"-Publikum verabschiedet hatte, kehrte er sechs Jahre später in einer eigenen losen Reihe unter dem Label "Schimanski" zurück. 17 Filme wurden seither produziert.

teleschau: Hinter den Kulissen war zu vernehmen, dass Sie nicht ganz glücklich waren mit der Vorbereitung des Films ...

Götz George: Wir hatten anfangs einige Schwierigkeiten wegen der Finanzierung. Aber wir haben den Film dann durchgesetzt. Vor allem auch dank der Unterstützung der ehemaligen WDR-Intendantin Monika Piel, die am Ende ein Machtwort sprach.

teleschau: In dem neuen WDR-Intendanten Tom Buhrow sollten Sie eigentlich auch einen Fürsprecher haben. Ein Mann, der ein ganzes Regal mit T-Shirts alter Rockbands daheim hat, müsste doch auch ein Schimanski-Fan sein ...

George: Ich traf mich mit ihm. Er war unendlich nett. Aber wo kämen wir hin, wenn ich meinen Schimanski-Kram immer gleich mit dem Intendanten regeln müsste? Der kommt nur ins Spiel, wenn wirklich alle Stricke vorher reißen.

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teleschau: Es hieß gar, "Loverboy" könnte der letzte "Schimanski"-Film sein.

George: Ich mag einfach die Querelen nicht mehr. Die ganze Bürokratie im Vorfeld. Das Gerede um das Geld und um das Drehbuch. Es gibt so viele Gremien, die mitreden, aber wer nun wirklich verantwortlich ist, ist unklar. Darunter habe ich schon gelitten. Ich will mich eben nicht mehr streiten über einen "Schimanski"-Film. Wenn die ARD nicht mehr mag oder wenn sie kein Geld mehr dafür hat, dann soll sie es mir sagen. Dann lassen wir es. Kunst und Bürokratie passen eben nach meinem Verständnis einfach nicht zueinander.

teleschau: Und wie fiel die Reaktion aus?

George: Sie erinnerten sich schon daran, dass die Figur "Schimanski" auch für den WDR prägend ist. Wir einigten uns also: Wenn die Quote auch diesmal stimmt, unterhalten wir uns in zwei drei Jahren wieder, sofern es ein gutes Buch gibt. Aber mir ist klar, dass "Schimanski" eine Art Kuckucksei im Programm ist. Ein Außenseiter am Sonntagabend zwischen all den "Tatort"- und "Polizeiruf"-Filmen. Ich kann verstehen, dass Zuschauer irritiert sind, wenn alle zwei Jahre plötzlich ein "Schimanski" auftaucht.

teleschau: Früher, in den 80er-Jahren, haben Sie selbst die Quote nicht so in den Vordergrund gestellt.

George: Da war sie auch der ARD egal. Damals ging es um den Kulturauftrag. Die Frage, ob Schimanski nun fünf, sieben oder zehn Millionen Zuschauer hat, stellte sich nicht. Heute ist das anders. Für mich selbst spielt die Quote aber keine Rolle. Ich kriege ja zunächst gar nichts von ihr mit.

teleschau: Wie und wann erfahren Sie denn davon?

George: Jemand von der ARD ruft mich in meiner Zweitheimat Sardinien an, wenn die Quote gut war. Höre ich nichts, weiß ich, sie war es nicht. Aber für den Sender spielt das eine größere Rolle als für mich. Ich weiß doch selbst, dass ich eine gute Arbeit gemacht habe. Aber beim Programm am Sonntagabend gelten eben besondere Regeln.

teleschau: Was meinen Sie damit?

George: Es gibt da doch ein paar fürchterliche Machwerke beim "Tatort". Und trotzdem bleibt die Quote stabil hoch. Bei "Schimanski" muss man aber immer abwarten.

teleschau: Viele Kommissare starteten zuletzt neu am Sonntagabend ...

George: Früher waren wir nur ein paar. Aber heute kommt es einem so vor, als habe jeder Bezirk einer Stadt inzwischen einen eigenen "Tatort"-Kommissar. Da herrscht logischerweise auch ein großes Konkurrenzdenken untereinander. Und ehrlich: Ich will da nicht Teil davon sein.

teleschau: Womöglich wird Schimanski einer der wenigen sein, an die sich die Zuschauer dauerhaft erinnern.

George: Weil er ein eigenständiger, weit entwickelter Charakter ist. Ich wollte nie einen Kommissar spielen, der einfach nur Sätze von Verdächtigen abfragt. Mir war immer klar, dass wir eine große Palette anbieten müssen: Schimanski darf die Weiber lieben, darf saufen, darf mal komisch und mal ernsthaft sein, mal froh und mal traurig. Deswegen interessieren sich die Zuschauer für ihn.

teleschau: Aber inzwischen ist er mit Abstand einer der ältesten Ermittler im Fernsehen. Das passt so gar nicht zum vorherrschenden Jugendwahn.

George: Offiziell ist er ja in Rente. Aber so lange er den Prügeleien nicht aus dem Weg geht, so lange hat er seine Berechtigung. Für mich waren die besten Krimis immer die mit dem älteren Clint Eastwood oder mit Charles Bronson. Ich glaubte ihnen, was sie da taten. Und ich glaubte ihnen auch, wenn sie mal in Schwierigkeiten gerieten. Beim Schimanski ist das nicht anders: Wenn der sich noch einmal richtig ins Gewühl stürzt, dann weiß der Zuschauer eben nicht, wie das für ihn ausgeht.

teleschau: Es gibt ja jetzt auch Til Schweiger in Hamburg ...

George: Das Publikum will erkennen, dass du die Dinge selbst machst ...

teleschau: Wie schwer fällt Ihnen das mittlerweile. Sie wurden vor einiger Zeit 75 Jahre ...

George: Klar wird es schwieriger. Wobei ich in den letzten zwei Jahren einen Gang runtergeschaltet habe. Das hat mir gut getan. Alle zweieinhalb Monate ein Film, da nutzt du dich schon ab. Zwölf, dreizehn Stunden drehen am Stück oder noch länger. Und alle haben den Ehrgeiz, etwas wirklich Gutes zu schaffen. Das strengt schon an. Früher ging ich nach einem langen Tag nachts noch in die Kneipe. Das geht heute nicht mehr.

teleschau: Schauen Sie sich eigentlich ab und an alte "Schimanski"-Folgen an?

George: Nein, da käme doch nur Wehmut auf. Womöglich würde ich gar sentimental. Es war nicht alles wunderbar damals, aber es waren schöne Zeiten. Manchmal schaue ich mir andere "Tatorte" an. Meine eigenen aber nicht.

teleschau: Große Unterstützung erfahren Sie stets vor Ort von der Duisburger Bevölkerung ...

George: Die Fans sind immer etwas Besonderes. Ich habe beim Drehen so viele Menschen gesehen, die uns aus der Ferne still und neugierig beobachtet haben. Als ich aus dem Auto stieg, klatschten die Leute sogar. Das sind schon Momente, die mich berühren. Diese Liebe, die dort für die Figur Schimanski empfunden wird, beeindruckt mich. Die Politiker gingen meistens anders damit um, die befürchteten anfangs einen Imageschaden für die Stadt.

teleschau: Jetzt soll es gar eine Gasse geben, die nach Schimanski benannt wird.

George: Ja, es gibt Führungen durch die Stadt und manches mehr. Manchmal denke ich schon, dass das alles ein bisschen viel ist.

teleschau: Kürzlich wurde sogar ein Musical für das Duisburger Theater am Marientor ins Gespräch gebracht.

George: Um Gottes willen, nein ... kein Musical bitte. Wenn schon Musik, dann wäre Schimanski heute wohl doch eher ein Rapper.

teleschau: Eine Frage noch zu einer kürzlich veröffentlichten Schlagzeile: Lilo Pulver sagte, dass sie heimlich in sie verliebt gewesen sei ...

George: Das habe ich auch gelesen. Aber gemerkt habe ich davon nie etwas.

teleschau: Kennen Sie sich denn gut?

George: Nein. Ich traf sie nur einmal in meinem Leben, und das ist sehr lange her. Sie war sehr freundlich.

teleschau: Wo trafen Sie sich denn?

George: Im Aufzug. Wenn ich mich richtig erinnere, sagte ich zu ihr: "Guten Abend, gnä' Frau ..., es ist mir eine Ehre." Und das war es dann auch schon.

teleschau: Sie müssen dennoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben ...

George (lacht): Es ist doch schön, wenn wir von der alten Garde nun beginnen, uns zu lieben. Jetzt, da uns langsam die Luft ausgeht, lieben wir uns wieder. Schön!

Kai-Oliver Derks

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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