Kino / Portraits

"Ich hätte gerne mehr Kinder gehabt"

Judi Dench spielt in "Victoria & Abdul" (Start: 28.9.) Queen Victoria - mal wieder

"Sie können doch keinen Moslem mit nach Florenz nehmen!" - Dieser Aufschrei entfährt Prinz Albert (Eddie Izzard) stellvertretend für das Unverständnis, das seiner Mutter Queen Victoria von allen Seiten entgegen schlägt. Seit die greise britische Königin den jungen Inder Abdul (Bollywood-Star Ali Fazal) in ihren Hofstaat aufgenommen hat, steht der Buckingham Palace Kopf - und die Königin blüht auf. Ihr muslimischer Bediensteter eröffnet der Regentin ganz neue Einsichten über ihr Empire. Oscarpreisträgerin Judi Dench (82), die nach "Ihre Majestät Mrs. Brown" (1997) in "Victoria & Abdul" (Start: 28.9.) zum zweiten Mal Queen Victoria spielt, trägt Stephen Frears' Tragikomödie mit derselben Leichtigkeit, mit der sie im Interview über vergebene Chancen, Liebe im Alter und gute Gene spricht.

teleschau: Wie hat es sich angefühlt, dieselbe Person zum zweiten Mal zu spielen?

Judi Dench: Es gibt natürlich Parallelen zwischen beiden Filmen. Aber wir erzählen in diesem Film ja von neuen Seiten an Queen Victoria, die niemand kennt - und ich habe jetzt erst das Alter für diese Rolle. Da fällt mir eine nette Episode ein: Mein kleiner Enkel sagte mir neulich: "Ich habe eine Geheimkamera, die verrät mir dein Alter während sie dich knipst." Er tat als ob er fotografierte, sagte dann: "Achtung: Klick, Du bist ... 20 Jahre alt!" Ich will auch so eine Kamera! (lacht)

teleschau: Der gesamte Hofstaat der Königin ist auch deshalb so alarmiert, weil der "Munshi", wie Victoria ihren Freund Abdul nennt, eine sehr exklusive Beziehung zur Königin hat. Hat diese Beziehung auch eine sexuelle Komponente?

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Dench: Ich denke nicht. Aber bestimmt war es auch in der Realität so, dass die Anwesenheit eines jungen Mannes Queen Victoria aufgebaut hat. Sie ist im Film an einem Tiefpunkt ihres Lebens, das vertraut sie Abdul ja an. Alle Personen, mit denen sie ein enges Verhältnis hatte, sind mittlerweile gestorben. Nur sie ist übrig und muss einen Job machen, der ihr keinerlei Freiraum lässt. Und bei dem ihr jeden Morgen verkündet wird, was sie den ganzen Tag über zu tun hat - bis zum Zubettgehen. Abdul reißt sie da heraus. Und als sie erfährt, dass er in Indien verheiratet ist, reagiert sie geschockt. Das hat Züge einer betrogenen Liebe. Ich kann das gut verstehen.

teleschau: Finden Sie, dass es mehr Filme geben sollte, in denen es um Liebe zwischen reiferen Menschen geht?

Dench: Warum nicht? Aber für mich wird keiner eine Romanze mehr schreiben, wenn ich darin nicht gerade Queen Victoria spiele. Ich konnte die Queen als Mensch so gut verstehen, dass es bei den Dreharbeiten manchmal schmerzte. Das vergangene Jahr war auch für mich selbst sehr traumatisch. Mein Bruder ist gestorben und acht meiner engsten Freunde ebenfalls. Da kommt man ins Grübeln über die Endlichkeit des Lebens.

teleschau: Hilft Shakespeare in solchen Momenten?

Dench: Shakespeare hilft so ziemlich gegen alles. Meine eigentliche Liebe galt und gilt immer dem Theater, genauer gesagt Shakespeare. Am liebsten würde ich jeden Tag in einem seiner Stücke auftreten. Wenn ich heute Abend noch als Lady Macbeth auf die Bühne dürfte - ich wäre glücklich! Das ist meine Leidenschaft.

teleschau: Sie haben auf der Bühne alle wichtigen Frauenfiguren von William Shakespeare verkörpert. Welche Männerfigur hätten Sie denn gerne mal gespielt?

Dench: Oh, Gott. Das ist eine schwere Frage. Ich weiß es nicht. Es gibt einfach zu viele. Bei den Frauen ist es auf jeden Fall Cleopatra!

teleschau: Können Sie sich noch an Ihre Ängste erinnern, als Sie am Anfang Ihrer Karriere in ersten Rollen auf der Bühne standen?

Dench: Das kann ich sehr genau! Ich war noch an der Schauspielschule und sollte am "Old Vic" vorsprechen. Dort schaffte ich es bis in die letzte Runde. Dann sagte Regisseur Michael Benthall zu mir: "Ich gehe damit zwar ein enormes Risiko ein, aber ich besetze Sie als Ophelia in 'Hamlet', obwohl Sie niemand kennt." Das war meine erste Rolle mit 22 Jahren, und mir haben die Knie geschlottert.

teleschau: Sie sind in diesem Jahr in drei Filmen zu sehen, "Tulpenfieber", "Victoria & Abdul" und ab 9. November "Mord im Orientexpress". Woher nehmen Sie die Energie für dieses immense Arbeitspensum?

Dench: Diese Energie steckt einfach genetisch in mir drin. Ich habe sie glücklicherweise von meinen Eltern geerbt. Die waren ähnlich umtriebig veranlagt. Vielleicht kehre ich ja noch als der Geist von M zu James Bond zurück. Das meine ich natürlich nicht ernst!

teleschau: Sie haben künstlerisch alles erreicht in Ihrer Laufbahn. Kennen Sie dennoch das Gefühl, etwas wirklich Wichtiges in Ihrem Leben verpasst zu haben?

Dench: Ich hätte gerne mehr Kinder gehabt. Ich habe zwar eine wundervolle Tochter und auch einen Enkel, aber am liebsten wäre mir ein ganzer Stall von Kindern gewesen. Irgendwie ist es einfach nie dazu gekommen. Ich mag die Vorstellung, dass man als altes Ehepaar inmitten all dieser verschiedenen Mentalitäten der nächsten Generation sitzt, die alle einen gemeinsamen Ursprung haben. Dafür ist es jetzt leider zu spät.

Kerstin Lindemann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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