Blutige Stunden vor dreitägiger Waffenruhe in Afghanistan

Islamisches Opferfest

Kabul (dpa) - Trotz einer Waffenruhe für das islamische Opferfest Eid al-Adha reißt die Gewalt in Afghanistan nicht ab.

Seit Mitternacht Kabuler Zeit gilt eine Feuerpause zwischen der afghanischen Regierung und den militant-islamistischen Taliban, doch nur wenige Stunden zuvor wurden nach Angaben von Provinzräten bei der Explosion einer Autobombe in der Zentralprovinz Logar mindestens 18 Menschen getötet. Dutzende weitere Menschen seien bei dem Anschlag auf einem belebten Platz in der Provinzhauptstadt Pol-e Alam verwundet worden.

Die Taliban, die auch in Logar aktiv sind, dementierten umgehend, für den Anschlag verantwortlich zu sein. Das Innenministerium sieht das anders. «Die Taliban sind das Fundament terroristischer Aktivitäten, und sie können sich sicherlich nicht von solchen Vorfällen freisprechen», sagte Ministeriumssprecher Tarek Arian. Unter den Toten sollen auch viele Frauen und Kinder sein. Ein Video, das von Journalisten verbreitet wurde, zeigte chaotische Krankenhaus-Szenen mit zahlreichen Verletzten und blutüberströmtem Boden.

Präsident Aschraf Ghani ordnete unterdessen im Streit um den Gefangenentausch mit den Taliban die Freilassung von 500 weiteren Inhaftierten an. Dies sei eine Geste des guten Willens nach der Ankündigung der Taliban für die dreitägige Waffenruhe, sagte Ghani während seiner Ansprache zum Opferfest am Freitag. Die Taliban hingegen fordern die Freilassung von 400 bestimmten Kämpfern. Er habe jedoch «keine Befugnis», diese Inhaftierten freizulassen, so Ghani. Zur Klärung dieser Frage will der Präsident eine sogenannte Loja Dschirga, eine große Ratsversammlung, einberufen. Diese werden in Afghanistan regelmäßig abgehalten, wenn große nationale Fragen geklärt werden sollen.

Auch der Freitagmorgen blieb nicht ruhig. Bei einer Explosion in der nordwestlichen Stadt Herat wurde nach Behördenangaben ein Dutzend Menschen verletzt, darunter auch ein Kind. Die Hintergründe der Explosion waren zunächst völlig unklar.

Jürgen Brötz, Kommandeur des deutschen Einsatzkontingents, hofft, dass die Konfliktparteien im Land die Chance für Friedensgespräche ergreifen. «Das Wichtigste ist erstmal, dass verhandelt wird und diese Voraussetzungen geschaffen werden», sagte Brötz der Deutschen-Presse Agentur. «Wir werden von außen keine Lösung herbeiführen. Wir können diese nur unterstützen», sagte der Brigadegeneral mit Blick auf Verhandlungen zwischen afghanischer Regierung und Taliban.

Mit Blick auf die USA, die nach Abschluss eines Abkommens mit den aufständischen Taliban Ende Februar schrittweise ihre Truppen reduzieren, sagte Brötz: «Irgendwann müssen wir auch den Schritt nach hinten antreten. Einen Schritt zurück von der Lagekarte, weil es dann auch an der Zeit ist, dass die Afghanen, die Regierung, die Gesellschaft dieses Problem aus eigener Kraft maßgeblich lösen muss.»

Der Afghanistankonflikt ist laut einem UN-Bericht immer noch einer der tödlichsten Konflikte für Zivilisten. Mehr als 1200 Zivilisten wurden demnach in der ersten Jahreshälfte 2020 in Afghanistan getötet. Seit Jahresbeginn flohen laut des UN-Nothilfebüros mehr als 100 000 Menschen innerhalb des Landes vor Gefechten aus ihren Dörfern.

Am Dienstag hatten sich die Taliban und Kabul auf die dreitägige Waffenruhe verständigt. Die Vereinten Nationen begrüßten die Ankündigung und forderten die Konfliktparteien auf, die Gelegenheit für einen Start des Friedensprozesses zu nutzen. Seit Monaten sind Friedensgespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung geplant, doch der Konflikt im Land geht brutal weiter. Das Gewaltniveau im zweiten Jahresquartal liege «weit über historischen Normen», hieß es am Freitag in einem Bericht des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar).

Streit zwischen Taliban und Kabul gab es vor allem um einen Gefangenentausch, der im Rahmen des Abkommens zwischen den USA und den Taliban am 29. Februar in Doha (Katar) vereinbart wurde. Das Abkommen sieht einen Abzug der internationalen Truppen vor. Im Gegenzug hatten die Taliban versichert, ihre Beziehungen mit anderen Terrorgruppen wie Al-Kaida zu beenden. Der Deal sollte auch den Weg für innerafghanische Friedensgespräche ebnen. Bis zu 5000 inhaftierte Taliban sollten im Tausch gegen 1000 von den Rebellen festgehaltene Gefangene freikommen.

Nur wenige Stunden vor der Autobombenattacke am Donnerstag hatten die Taliban verkündet, dass mehr als 1000 Gefangene auf freiem Fuß sind. Die afghanische Regierung ließ bisher 4600 Taliban frei.

Unterdessen sind Afghanistans Streitkräfte nach einem Zwischenfall mit vielen Toten und Verletzten an der Grenze zu Pakistan in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden. Am Donnerstag wurden in der Grenzstadt Spin Boldak laut afghanischem Verteidigungsministerium neun Zivilisten durch pakistanischen Beschuss getötet und 50 weitere Menschen verletzt. Hintergrund waren nach Angaben lokaler Behörden Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten, die gegen die Schließung des Grenzübergangs protestiert hatten.

Pakistan beschuldigte Afghanistan, zuerst das Feuer auf Zivilisten eröffnet zu haben, und sprach von Verlusten auf beiden Seiten. Über diplomatische und militärische Kanäle sei ein Ende der Gefechte erreicht worden, hieß es aus dem pakistanischen Außenministerium.

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