Musik / Backstage

Eigene Lieder, eigene Geschichten

Adel Tawil veröffentlicht "Lieder"

Von Prince bis Whitney Houston, von Herbert Grönemeyer bis Rio Reiser, von Jimi Hendrix bis Michael Jackson: Mit seinem schlicht "Lieder" betitelten aktuellen Album setzt Adel Tawil zahlreichen Songs und Künstlern, die ihn in seinem Leben prägten, ein liebevolles Denkmal. Die autobiografische Vorabsingle steht aber auch stellvertretend für sein erstes, gleichnamiges Soloalbum. Denn bislang kannte man den 35-Jährigen ja vor allem als Stimme des erfolgreichen Pop-Duos Ich + Ich. Mit "Lieder" möchte der in Berlin geborene Sohn eines Ägypters und einer Tunesierin nun "den Leuten die Chance geben, mich als Menschen besser kennenzulernen", erklärt Tawil. Im Interview spricht er dann auch offen und ehrlich über seine Jugend als Rapper und Rocksänger, die Verlockungen und Abgründe des Musik-Business und seine Zukunftspläne.

teleschau: Bei all den Songs, die Sie in "Lieder" erwähnen: Können Sie sich noch an Ihr allererstes Lieblingslied erinnern?

Adel Tawil: Wenn ich jetzt mal Cartoonserien und Lieder wie den "Glücksbärchis"-Song ausblende ... Nein, mein erstes Lieblingslied müsste Michael Jacksons "Thriller" gewesen sein. Natürlich spielte auch das Video eine große Rolle. Das Gefühl, als ich das sah, habe ich immer noch in Erinnerung: eine Mischung aus Angst und Faszination.

teleschau: Michael Jackson ist bis heute Ihr großes Vorbild ...

Tawil: Ja, ich war auch unglaublich erschüttert über seinen Tod. Er war der John Lennon meiner Generation. Und auch wenn seine letzten Sachen nicht mehr ganz so gut waren und er auch privat sehr kontrovers war: Es war einfach Michael Jackson! Er schrieb die großartigsten Songs, die Lieder, die mich prägten und wegen denen ich überhaupt anfing, Musik zu machen.

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teleschau: Im Video zu "Lieder" sieht man Sie in einem Plattenladen. Wie viele Platten stehen bei Ihnen zu Hause?

Tawil: Daheim sind es nicht viele, maximal 20. Bob Marley, Michael Jackson, Dr. Dre, Marvin Gaye und James Brown. Alle anderen Platten stehen im Studio.

teleschau: Eine geschmackssichere Wahl. Gab es auch Lieder in Ihrer Biografie, die Ihnen im Nachhinein peinlich sind?

Tawil: Ja, es gab einen einzigen Act, den wir dann doch nicht in "Lieder" aufzählen wollten ... Al Bano & Romina Power (lacht) ...

teleschau: Wobei Ihnen das nicht peinlich sein müsste, in den 80er-Jahren war Italo-Pop ja groß in Mode ...

Tawil: Stimmt. Wir hatten zudem ja ein italienisches Restaurant, da lief das den ganzen Tag, Eros Ramazzotti, Al Bano und so weiter. Aber wir dachten, diese Geschichte müssen wir nicht unbedingt auch noch erzählen (lacht) ...

teleschau: Abgesehen von Italo-Pop: Welche Musik hörte man im Hause Tawil?

Tawil: Meine Eltern waren natürlich anders geprägt, in Ägypten und Tunesien wuchsen sie mit den Liedern der "Alten" auf, die dort jeder Jugendliche mitsingen kann. Das wäre so, wie wenn in Deutschland alle Teenager Harald-Juhnke- oder Udo-Jürgens-Lieder auswendig könnten. In der Heimat meiner Eltern gibt's eine ganz andere Art von Bewusstsein für die nationale Musik, die eigene Sprache. Aber als sie nach Deutschland kamen, gingen meine Eltern natürlich auch aus, meine Mutter war damals ja erst 20. Und Marvin Gaye, James Brown, die alten Soul-Sachen, das waren alles Platten von meinen Eltern. Bei "Sex Machine" von James Brown bleibt meine Mutter nicht still sitzen. Oder auch bei "Kung Fu Fighting" ... (lacht)

teleschau: Viele Ihrer Vorlieben, die Sie in "Lieder" erwähnen, wirken sofort nachvollziehbar, eine Crossover-Band wie Rage Against The Machine und der Grunge-Rock von Nirvana hingegen eher ungewöhnlich ...

Tawil: In meiner Schulzeit, zu meiner HipHop-Zeit, hatte ich drei Koreaner in der Klasse. Einer davon war Gitarrist, einer Bassist, einer Drummer. Und wir wollten eine Schulband sein und auftreten. Und weil ich aus dem HipHop kam, sollte ich dazu rappen. Also nahmen wir das Rage-Against-The-Machine-Album und spielten Lieder wie "Bombtrack" und "Killing In The Name". Leider kam es nie zu einem richtigen Auftritt. Aber durch die Band öffnete ich mich musikalisch.

teleschau: Und Sie entdeckten, dass Sie eigentlich besser singen als rappen können ...

Tawil: Ja! Das ist etwas, was mich mein ganzes Leben verfolgte, dass die Leute mich nie rappen hören wollten. Alle sagten immer: Sing doch! Und das erste Mal sang ich dann eben in der Band Pearl Jam und Nirvana, Songs wie "Alive" und "Smells Like Teen Spirit". Da merkte ich zum ersten Mal, dass den Leuten meine Gesangsstimme gefällt.

teleschau: In "Lieder" zitieren Sie auch den HipHop-Klassiker "Fremd im eigenen Land", in dem Advanced Chemistry einst kritisierten, als Ausländer diskriminiert zu werden, obwohl sie einen deutschen Pass besitzen. Ging es Ihnen ähnlich?

Tawil: Ja, meine Eltern sagten mir immer: Adel, du musst gut sein in der Schule, du bist ein Ausländer. Und das dachte ich tatsächlich: Wenn ich nur so gut bin wie der Deutsche, dann nehmen die den Deutschen. Ich muss also besser sein. Und dann kam diese Nummer: "Ich habe einen grünen Pass mit nem goldenen Adler drauf". Und ich dachte: Ja, stimmt! Ich bin kein Ausländer. Das Lied veränderte meine Sicht komplett.

teleschau: Sie waren später Teil der kurzzeitig erfolgreichen Boygroup The Boyz - Welche positiven Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Tawil: Wenn man mit 17 in einer Boyband ist, ist eigentlich alles super! (lacht) Du denkst, du hast alles richtig gemacht. Denn - und das ist das Tückische - du denkst: Dieses Leben wird immer so weitergehen, dafür wurde ich geboren! Für mich war das wie eine riesige Klassenfahrtweltreise! (lacht) Ich war ja viel zu jung, um hinter die Kulissen zu blicken. Und dann kam natürlich unweigerlich der ganz tiefe Fall. Da wurde es dann kritisch. Ich brach in der zwölften Klasse mein Abi ab. Zu diesem Zeitpunkt hätte es auch schiefgehen können ...

teleschau: Nach dem Ende von The Boyz sprachen Sie laut eigener Aussage sehr dem Alkohol zu ... Wie muss man sich das vorstellen?

Tawil: Es war nicht so, dass ich den ganzen Tag getrunken habe. Aber von einer Sekunde auf die andere war ich niemand mehr. Das Karussell stoppte und ich war alleine. In dem Moment suchst du verkrampft nach Bestätigung. Und Berlin eignet sich super dafür, jeden Tag irgendwo abends mit Leuten abzuhängen, die einem genau diese Bestätigung liefern. Dann waren dann natürlich auch falsche Freunde dabei, die jeden Abend losziehen wollten.

teleschau: Sie lernten dann Annette Humpe kennen, wurden mit Ich + Ich zum Star. Dort herrschte Arbeitsteilung: Sie sagten mal, dass Sie eher der gelassene Typ waren, der gerne auch mal etwas schleifen ließ. Wie war das jetzt?

Tawil: Ich war dann doch sehr selbstkritisch. Eigentlich hätte ich mich selbst als lockerer eingeschätzt (lacht) ... Ich versuchte auch, die Verantwortung auf andere abzuschieben. Bei jeder Gelegenheit. Aber am Ende ging es nicht. Ich musste und wollte an jeden Song noch mal ran, bis in meinen Augen alles perfekt war.

teleschau: Also eine ganz neue Erfahrung?

Tawil: Ja, ich merkte vor allem auch, dass Annette in diesen Dingen schon mehr Erfahrung hat. Bei Ich + Ich war es so: Ich hatte Annette, auf die ich mich im Zweifel immer verlassen konnte. Ich bin dann jemand, auch privat, der alles fließen lässt. Die Ruhe in Person. Alles wird gut. Hat nicht funktioniert? Ist nicht schlimm. Handy weg? Mist, aber kriegst du eh nicht wieder. Ich bin niemand, der seinem Handy zwei Wochen hinterhertrauert.

teleschau: Worüber können Sie sich denn dann aufregen?

Tawil: Da gibt es natürlich ganz viele Sachen. Im Moment mache ich mir natürlich am meisten Sorgen um Ägypten. Das ist so heftig. Ich habe Kairo als weltoffen kennengelernt. Die Ägypter sind ein Mischvolk, schon immer gewesen, in Kairo leben die tolerantesten Menschen der ganzen arabischen Welt. Und einige meiner besten Freunde leben dort.

teleschau: Auf dem letzten Ich + Ich-Album gastierte die ägyptische Musik-Legende Mohamed Mounir. Auf Ihrem Soloalbum jetzt finden sich keine offensichtliche Hinweise auf die Herkunft Ihrer Eltern ... Warum?

Tawil: Es gibt einen Song auf der Deluxe-Edition namens "Paradies", der ein bisschen darauf hindeutet. Mir ging es jetzt aber vor allem darum, mich selbst vorzustellen, den Leuten die Chance zu geben, mich als Menschen besser kennenzulernen. Songs über meine persönlichen Ansichten, was mich sonst noch bewegt, werde ich sicher auch noch machen. Aber es bringt momentan nichts über Euphorie zu sprechen, darüber dass ich in Kairo war und die Jugendlichen auf dem Tahrir-Platz tanzen sah. Die tanzen nicht mehr. Das macht alles keinen Sinn. Und ich möchte das auch nicht, um meine Platte zu promoten. Ich muss mir selber erst klar werden, was da passiert.

teleschau: Und um was geht es im angesprochenen "Paradies"?

Tawil: In diesem Lied geht es darum, dass es irgendwann auf der Erde so sein wird, dass wir kein Paradies mehr brauchen. Das ist für mich, der von seinen Eltern islamisch erzogen wurde, aber vor allem für meine Eltern natürlich eine provokante These. Ich finde, wir müssen daran arbeiten, uns unser Paradies bereits auf dieser Welt zu schaffen.

teleschau: 2011 heirateten Sie Ihre langjährige Verlobte Jasmin Weber. Gab's einen Grund, warum Sie so lange warteten?

Tawil: Ja, ich wollte einfach nicht, dass die Hochzeit ein Promotermin wird. Ganz banal. Ich war so viel unterwegs, hatte immer viel zu tun. Aber 2011 hatte ich dann eben keine Gigs mehr und konnte mich darauf konzentrieren. Das war auch genau richtig so.

teleschau: Auf "Dunkelheit" singen Sie und Ihre Frau gemeinsam. Wer hatte die Idee?

Tawil: Ich hatte die Idee. Ich wollte ein Lied machen, das - für mich - den Kern von Partnerschaft beschreibt. Es geht um jemanden, der dich und auch deine dunkle Seite kennt. Um jemanden, der dich immer begleitet. Das ist die Aufgabe einer Partnerschaft: Nicht nur die guten Zeiten zu genießen, sondern auch füreinander da zu sein, wenn es einem beschissen geht. Und das war bei uns in allen Phasen so.

teleschau: Ihre Frau macht auch Musik. Erwartet uns demnächst Adel + Jasmin, das nächste Erfolgsduo? Oder geht es doch mit Ich + Ich oder der Familenplanung weiter?

Tawil: Sie wird an ihren Sachen arbeiten, da wird sicherlich was kommen. Aber dazu müssen sie sie selber fragen. Und was Ich + Ich angeht: Annette arbeitete ja auch an meinem Album mit, wir beginnen auch schon, wieder über Ich + Ich zu reden. Aber wie auch bei meinem Album gilt: Es muss sich richtig anfühlen. Und Familienplanung? Das wird bestimmt irgendwann passieren ... (lacht)

teleschau: Wenn Sie mal wieder Zeit finden ...

Tawil: Wenn ich die Zeit finde, ja. Aber jetzt ist es auch anders. Die Erfahrung lehrt ja, dass man sich für ein paar Sachen einfach Freiräume schaffen muss. Irgendwann ist man ja auch zu alt für den ganzen Kram! (lacht)

Adel Tawil auf Deutschland-Tournee:

21.03.2014, München, Olympiahalle

24.03.2014, Freiburg, Rothaus Arena

25.03.2014, Stuttgart, Porsche Arena

27.03.2014, Hannover, TUI Arena

28.03.2014, Schwerin, Sport- und Kongresshalle

29.03.2014, Berlin, o2 World

31.03.2014, Magdeburg, Getec-Arena

01.04.2014, Köln, Lanxess Arena

03.04.2014, Hamburg, o2 World

04.04.2014, Oberhausen, König-Pilsener-Arena

05.04.2014, Nürnberg, Arena

07.04.2014, Leipzig, Arena

08.04.2014, Chemnitz, Messehalle

09.04.2014, Saarbrücken, Saarlandhalle

11.04.2014, Frankfurt, Festhalle

12.04.2014, Erfurt, Messehalle

13.04.2014, Halle/Westfalen, Gerry Weber Stadion

Stefan Weber

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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