Beruflicher Neustart: Schritt für Schritt zum neuen Job

Ein Mann mit Tablet im Homeoffice
© Zacharie Scheurer/dpa-tmn

Frische Luft schnuppern

Köln/Braunschweig (dpa/tmn) - Ob Frust im alten Job, Druck in der eigenen Branche oder der Wunsch nach Selbstverwirklichung: Es gibt viele Gründe für einen beruflichen Neustart. Wann lohnt es sich, diesen Schritt zu gehen - und was sollte man dabei alles beachten? Karrierecoach Bernd Slaghuis und Arbeitspsychologin Prof. Simone Kauffeld geben Tipps rund um die Frage, wie der Neuanfang zum Erfolg wird.

Schritt 1: Prüfen, ob ein beruflicher Umbruch wirklich sinnvoll ist

Zu viel vom einen, zu wenig vom anderen - oder schlichtweg das Falsche: Wenn Berufsalltag und Erwartungen nicht (mehr) zusammenpassen, stellt sich irgendwann die Frage nach einer Neuausrichtung. Aber nicht immer muss es gleich die Kündigung sein. Etwa wenn die Unzufriedenheit vorübergehend ist und auf einem ungelösten Konflikt, einem Wechsel im Team oder einer stressigen Phase beruht. «Solche Themen tauchen auf, aber meistens kann man sie – möglicherweise mit Unterstützung – gut bewältigen», sagt Simone Kauffeld.

Um den eigenen Frust besser einordnen zu können, rät sie deshalb, nach dem konkreten Auslöser zu suchen. Dabei helfen Fragen wie: Was hat mich einst an meiner Arbeit begeistert und warum ist das jetzt nicht mehr so? Kann ich selbst etwas an der Situation ändern? Aber auch: Geht es mir besser, wenn ich mich etwas erholt habe?

Denn: Ein Jobwechsel allein habe laut Studien oft keine oder nur kurzfristige Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit, sagt Kauffeld. «Oft scheint die generelle Lebenszufriedenheit größere Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit zu haben als umgekehrt». Die Frage sei dann, wie wichtig einem die Arbeit im Kontext mit allem anderen sei, sagt die Psychologin.

Schritt 2: Zur Ruhe kommen und Abstand gewinnen

Hält die Unzufriedenheit länger an und arbeitet man etwa entgegen der eigenen Stärken oder Überzeugungen, kann es durchaus Sinn machen, einen neuen Weg einzuschlagen. Karrierecoach Bernd Slaghuis warnt jedoch vor überstürztem Aktionismus.«Wer allzu übereilt oder aus der akuten Erschöpfung heraus gleich Bewerbungen in die Welt schickt, läuft Gefahr, mehr auf der Flucht aus dem Alten statt auf einem bewussten Weg hin zu einem neuen Ziel zu sein.»

Oft sei deshalb die erste Devise: runterfahren und Abstand gewinnen. «Dafür braucht es Zeit und manchmal auch die Erlaubnis an sich selbst, sich diese Zeit zu nehmen, um sich selbst zu reflektieren», sagt Slaghuis.

Schritt 3: Eigene Werte, Erwartungen und Rahmenbedingungen klären

Jeder Weg fängt beim eigenen Ich an und der Frage: Was will ich eigentlich? Um das herauszufinden, lohne es sich, auf die eigenen Werte und Überzeugungen zu schauen: «Was sollte in Zukunft in einem Job und Arbeitsumfeld erfüllt sein, um morgens gerne aufzustehen und motiviert und gesund einen guten Job zu machen», so Bernd Slaghuis.

Für den einen ist es Freiheit, für die andere Sinnhaftigkeit, ein stabiles Einkommen, Struktur, Sicherheit oder auch ein stabiles Team. «Bei allen, die sehr frustriert zu mir kommen, sind diese Werte oft schon lange Zeit nicht mehr erfüllt», sagt Slaghuis.

Ebenfalls wichtig: Wie sind die Rahmenbedingungen? Die Hauptverdienerin oder der Hauptverdiener einer Familie denke zum Beispiel anders über eine Kündigung nach, als jemand, der finanziell unabhängiger ist, sagt Slaghuis.

Schritt 4: Berufliche Perspektiven entwickeln

Sind alle Fragen zu den eigenen Erwartungen, Werten und Rahmenbedingungen geklärt, lohnt oft ein Blick auf die Interessen und Talente. «Was gibt mir Energie? Wo fühle ich mich wirksam und kompetent? Welche Tätigkeit lässt mich die Zeit vergessen?», nennt Simone Kauffeld als mögliche Fragen in diesem Zusammenhang.

Daraus ließen sich dann neue Ideen und Ziele formulieren, um Klarheit zu gewinnen. Das könne man allein probieren, aber auch Coachings könnten weiterhelfen, rät die Psychologin. «Hat man die Klarheit, ist handeln gefragt.»

Schritt 5: Mögliche Wege abwägen

Kleine Schritte gehen oder gleich der ganz große Bruch? Hierauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Kleine Schritte seien sinnvoll, wenn es noch Unsicherheiten gebe und man nicht wisse, was genau man will. «Oder auch, wenn man viel Verantwortung, zum Beispiel in der Familie, trägt», so Kauffeld. Eine Weiterbildung oder ein Nebenprojekt könnten hier der erste Schritt sein, sagt die Psychologin.

In anderen Fällen kann ein klarer Schnitt sinnvoll sein. Insbesondere, wenn der bisherige Job auf die Gesundheit geht, man sich nicht mehr mit der Arbeit identifizieren kann und innerlich ohnehin längst gekündigt hat.

Welche Schritte die geeigneten sind, kann man mit der Familie oder Freunden oder eben mit Coaches besprechen. Bernd Slaghuis sagt: «Wir sortieren gemeinsam das Gedankenkarussell, besprechen Handlungsoptionen und planen, welche nächsten Schritte wie und wann sinnvoll sind.»

Schritt 6: Den passenden Übergang bewusst gestalten

Und dann ist es so weit: Die Kündigung steht an. Wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab. Für die einen sei ein schneller, klarer Cut wichtig, um abzuschließen, Energie zu tanken und neugierig nach vorn zu schauen, so Slaghuis. «Andere fallen in ein Motivationsloch, weil nach der Kündigung ihre Sicherheit und Struktur wegfallen».

Der Karrierecoach rät deshalb, sich genau zu überlegen, welcher Weg für einen selbst der beste ist: «Manchmal kann es auch sinnvoll sein, Teilzeit zu beantragen, um die gewonnene Freizeit für die Bewerbungsphase zu nutzen.»

Und irgendwann ist da das erste Jobangebot. Welcher Weg am Ende tatsächlich der richtige ist, sollte bewusst abgewogen werden. «Nicht zu vorschnell einen neuen Vertrag unterschreiben, sondern in den Gesprächen alle Fragen stellen und hinschauen, ob es auch wirklich passt», sagt Slaghuis.

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Eine Person klebt Post-its auf ein Flipchart
Was fehlt mir? Was soll mein (neuer) Job haben? Wer sich nicht nur über seine Stärken, sondern auch über seine Werte Gedanken macht, wird eher fündig. © Daniel Vogl/dpa-tmn
Was fehlt mir? Was soll mein (neuer) Job haben? Wer sich nicht nur über seine Stärken, sondern auch über seine Werte Gedanken macht, wird eher fündig.
© Daniel Vogl/dpa-tmn

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