Nagelsmann muss dosieren: Mit Weitblick zum WM-Gefühl
Veröffentlicht: Sonntag, 29.03.2026 17:02

Fußball-Nationalmannschaft
Stuttgart (dpa) - Julian Nagelsmann würde am liebsten einfach die Repeat-Taste drücken. Noch einmal Fußball-Wirbel von Florian Wirtz. Noch einmal Power-Fußball wie beim Vier-Tore-Statement in der Schweiz. Aber für den letzten Härtetest vor der WM-Nominierung hat der Bundestrainer auch die langfristige Fitness seiner Turnierkandidaten genau im Blick. Im Sommer zählt's in Amerika für die Nationalmannschaft.
«Ich bin nicht völlig verblendet und ziehe das auf Teufel komm raus durch», sagte der Bundestrainer vor dem Länderspiel gegen Ghana am Montag (20.45 Uhr/ARD). Beim Abschlusstraining in Stuttgart wollte Nagelsmann deswegen genau hinschauen. Wer ist fit, wer braucht eine Pause? Fest steht: Mit einer gefestigten Siegermentalität soll es zur WM gehen.
Wechsel im Tor
Das nächste Erfolgserlebnis nach dem Statement-Sieg beim 4:3 in der Schweiz sichern sollen in jedem Fall Ersatztorwart Alexander Nübel, der vor heimischen Publikum im Ländle für Loyalität und Leistungen mit dem dritten Länderspieleinsatz belohnt wird und für eine Partie Oliver Baumann ersetzt.
Auch Nübels VfB-Kollege Deniz Undav bekam im Angriff Einsatzminuten versprochen, der Frankfurter Nathaniel Brown als Linksverteidiger sogar in der Startelf. Weitere Änderungen sind möglich, bei der Pressekonferenz nannte Nagelsmann auch Kapitän Joshua Kimmich und dessen Bayern-Kollegen Serge Gnabry als Akteure mit hoher Belastungsintensität.
«Ich wünsche mir für uns, dass wir gute Spiele machen, erfolgreiche Spiele machen und damit am Montag gern weitermachen können», sagte der Bundestrainer vor der Kraftprobe mit den nach einem 1:5 in Österreich ziemlich ramponiert angereisten Afrikanern.
Eine Wiederholung auf Knopfdruck, die wäre auch nach dem Geschmack von Sportdirektor Rudi Völler, der genau weiß, wie wichtig jetzt ein positives Signal der Nationalmannschaft für den WM-Countdown wäre. Aufbruchstimmung, WM-Vorfreude, davon kann es gar nicht genug geben - als Gegenmittel gegen die toxischen Zweifel an der Titelfähigkeit des viermaligen Weltmeisters.
Völler als Stimmungs-Seismograph
«Nach vorne war es sehr ansehnlich. Wir haben sehr gut kombiniert. Am Montag wollen wir nachlegen», forderte der 65-jährige Völler als bewährter Seismograph für Stimmungsschwankungen bei der DFB-Elf. Das Ghana-Spiel ist der letzte Test vor der Kadernominierung am 12. Mai. Und frei von Baustellen ist die DFB-Auswahl natürlich nicht.
Die Offensivkraft um den überragenden Doppeltorschützen Wirtz beim 4:3 in Basel half Nagelsmann extrem, die eklatanten Abwehrfehler als individuelle Mängel relativieren zu können. Es kann keine elf Wochen vor dem Turnier-Anpfiff gegen den großen Außenseiter Curaçao wieder groß gedacht werden.
«Wir haben eine sehr gute Mannschaft. Wir sind eine große Nation, die sich vor niemandem kleinmachen muss. Es ist noch ein Weg, der vor uns liegt. Aber ob du Favorit bist oder nicht, ist egal, wenn du ins Finale kommst», sagte Wirtz nach seinem Weltklasse-Auftritt in Basel. Der 19. Juli, das Endspielstadion in East Rutherford vor den Toren von New York. Das bleibt der Fixpunkt.
Kein neuer Stuttgart-Dämpfer
Doch erst heißt es Stuttgart, Ende März mit Graupelschauern. Der Ort, der für Nagelsmann mit zwei schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist. Dort endete 2024 im Viertelfinale gegen Spanien beim 1:2 nach Verlängerung der Traum vom Titel bei der Heim-EM auf dramatische Weise. Elf Monate später demonstrierte Frankreich beim 0:2 im Spiel um Platz drei der Nations League, dass die Fußball-Weltspitze enteilt ist.
Einen Demotivations-Hattrick im Ländle will Nagelsmann nun unbedingt vermeiden. «Einspielen» hat er schon als Einwort-Motto für seinen WM-Kader im März ausgegeben.
Ob Kai Havertz nach langer Verletzungs-Auszeit bereit ist, wird sich zeigen müssen. Beim Reha-Training in Freiburg auf der Weiterreise von Basel nach Stuttgart humpelte der Angreifer des FC Arsenal aus dem Teambus.
«Er hat sechs, sieben sehr gefährliche Situationen. Und ja, er muss gesund sein und zu einer guten Fitness finden. Dann ist das für uns auf dem Niveau wie Florian Wirtz oder wie Jamal Musiala», sagte Nagelsmann über Havertz.
Ghana kommt als Verlierer aus Wien
Ghana als Gegner soll trotz der hohen Niederlage in Wien nicht unterschätzt werden. Neunmal wechselte deren Trainer Otto Addo, aus Bundesliga-Zeiten bei Borussia Dortmund bestens bekannt, gegen Österreich.
Jonathan Tah, der den Afrika-Cup zu Jahresbeginn intensiv verfolgt hat, warnte. «Der afrikanische Fußball ist ein bisschen anders. Sehr intensiv, sehr viele Zweikämpfe, gute Eins-gegen-eins-Spieler. Wir werden da gefordert sein», sagte der Bayern-Verteidiger nach seiner DFB-Torpremiere gegen die Schweiz.
Ghana hatte Nagelsmann bewusst ausgewählt, als ein geplantes Duell mit der Elfenbeinküste nach der WM-Auslosung obsolet geworden war. Nun soll der viermalige Afrika-Champion als Blaupause für die Elfenbeinküste dienen, die am 20. Juni in Toronto der zweite deutsche Turnier-Gegner sein wird.
Nagelsmanns Stab schaut sich die Leistungen der WM-Kontrahenten genau an. Curaçao verlor gegen China 0:2. Das hochgelobte Ecuador kassierte kurz vor Schluss den 1:1-Ausgleich gegen Marokko. Die Elfenbeinküste aber schaffte beim 4:0 gegen Südkorea auch ein Offensivstatement - sogar ohne Gegentor.






